Hochwasserschutzkonzepte Altena
Hochwasserschutzkonzepte Nette und Rahmede für die Stadt Altena
Die im Sauerland gelegene Stadt Altena ist topografiebedingt besonders durch Hochwasser und Starkregen gefährdet. Enge Täler, Hangrutsche sowie Geröll- und Sedimentabtrag sorgten beim Hochwasser 2021 für besonders große Schäden entlang der Flüsse Rahmede und Nette. Aber auch bei mittleren Hochwasserereignissen sind dort Überlastungen und Ausuferungen zu erwarten.
Zwei integrative Hochwasserschutzkonzepte bilden die Grundlage für den Schutz der Stadt Altena vor zukünftigen Hochwasserereignissen. Sie beinhalten die Planung von ingenieurtechnischen Bauwerken sowieeinen Gewässerunterhaltungsplan.
Die Konzepte sind Bestandteil des Wiederaufbaus nach der Starkregen- und Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 und haben eine nachhaltige und vorbeugende Schadensbeseitigung zum Ziel, die im Einklang mit dem Hochwasserschutz und der Wasserrahmenrichtlinie steht. Sie werden gemeinsam von der Bauer Tiefbauplanung GmbH und Hydrotec erarbeitet.


Herausforderungen an Nette und Rahmede
Die beiden Gewässer weisen mittelgebirgstypische Merkmale mit steilen Talverläufen und engen Tälernauf sowie eine Vielzahl von kleineren Nebenbächen und „Siepen“, die in sie münden. Infolge der historischen Nutzung in der Drahtindustrie und der gewachsenen Siedlungsstruktur sind große Teile der Ufer und der Sohle befestigt oder bebaut. In vielen Abschnitten sind die Gewässer zudem verrohrt und verlaufen unterhalb von Gewerbegebäuden. Natürliche Retentionsräume sind nur eingeschränkt vorhanden. Die Einzugsgebiete sind überwiegend bewaldet und teilweise von Kalamitätsflächen geprägt, die die Abflussbildung beeinflussen und hohe Erosionspotenziale mit sich bringen. Bekannt wurde die Rahmede auch durch die Talbrücke Rahmede der Autobahn 45, die wegen irreparabler Schäden am Tragwerk im Mai 2023 gesprengt und nach einem Neubau im Dezember 2025 wiedereröffnet wurde.
Grundlagendatenermittlung- und Defizitanalyse
Im ersten Schritt, in Projektstufe 0 wurden u. a. historische Hochwasserereignisse ausgewertet, die Gebietsmorphologie und die Flächennutzung analysiert, Gewässerbegehungen durchgeführt und die schadensbedingten Prozesse ermittelt sowie die ökologische Situation bewertet. Im Anschluss wurden in NASIM ein detailliertes hydrologisches Modell und in HydroAS ein 2D-hydraulisches Gewässerhochwassermodell sowie ein 2D-hydraulisches Starkregenmodell erstellt.
Mit den Modellen wurden Simulationen für verschiedene Hochwasser- und Starkregenereignisse durchgeführt. Anhand der Ergebnisse konnten für den aktuellen Zustand die Hochwasser- und Starkregengefahr sowie die Leistungsfähigkeiten der Gewässer ermittelt werden.
Ableiten von Maßnahmen des Hochwasserrisikomanagementplans
Ein zentraler Bestandteil der Maßnahmenableitung war die Einbindung der anliegenden Unternehmen an der Rahmede und der Nette in die Aufstellung des Hochwasserschutzkonzepts, da die Flächenverfügbarkeiten für Retentionsmaßnahmen sowie die Zugänge zum Gewässer für potenzielle Maßnahmen stark eingeschränkt sind.
In mehreren Unternehmenssprechstunden sowie Einzel-Ortsterminen mit den betroffenen Firmen wurde über die Potenziale und Verfügbarkeiten bzw. Restriktionen diskutiert sowie die Zuständigkeiten erörtert. Ziel war es, gemeinsam die Möglichkeiten auszuloten und Transparenz über angedachte Maßnahmen zu schaffen. Im Ergebnis entstand auf diese Weise eine Vorzugslösung, welche die Aspekte der Hochwasserschadensbeseitigung, Planungen Dritter, Hochwasserschutzmaßnahmen und ökologischer Verbesserungen auf einer konzeptionellen Ebene verbindet. Die Vorzugslösung enthält einen Mix aus verschiedenen lokalen Maßnahmen, die gemeinsam dem übergeordneten Ziel des Hochwasserschutzes und des nachhaltigen Wiederaufbaus gerecht werden.


Starkregengefährdung und Hinweise für die Maßnahmenplanung
Neben dem klassischen Hochwasserschutz wird auch die Starkregenvorsorge integriert. In diesem Zusammenhang wurde eine Starkregenrisikoanalyse durchgeführt.
Für die identifizierten Risikoschwerpunkte werden Hinweise für die Maßnahmenplanung gegeben z. B.: Flächiger Rückhalt durch Mulden und Regenrückhaltebecken, Optimierungen am Kanalnetz, objektspezifische Schutzmaßnahmen sowie das gezielte Abführen und Lenken von Wasser durch Geländemodellierung oder Trassierung.
Schadenspotenzialermittlung und Kosten-Nutzen-Analyse
Ein zentraler Bestandteil des Konzeptes ist zudem die Kosten-Nutzen-Analyse, die wirtschaftliche und sozioökonomische Faktoren berücksichtigt. Dazu wurde das Schadenspotenzial mithilfe der Basic European Assets Map (BEAM) ermittelt: Schadensfunktionen ermöglichen hierbei eine prozentuale Bewertung der Schädigung in Abhängigkeit von der Wassertiefe auf Basis spezifischer Vermögenswerte (€/m²) der einzelnen Kategorien.
Im Anschluss wurden die zu erwartenden Schäden durch Hochwasser im Ist- und im Planzustand den Investitionskosten für den Hochwasserschutz gegenübergestellt. Sowohl für die Rahmen de, als auch für die Nette konnte eine Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen nachgewiesen werden.
Maßnahmenplanung der Schadensbeseitigung und des Hochwasserschutzes bis Leistungsphase 2 HOAI
Nach der konzeptionellen Ableitung der Maßnahmen des HWRM und deren Nachweise im hydraulischen und hydrologischen Modell wurde in der Projektstufe 1 in Zusammenarbeit mit Bauer Tiefbauplanung für jeden Maßnahmenabschnitt eine Planung nach Leistungsphase 2 der HOAI und eine Kostenschätzung nach DIN 276 durchgeführt. Hierbei wurde eine Differenzierung zwischen Hochwasserschadensbeseitigung und Hochwasserschutzmaßnahme vorgenommen, sodass diese als Basis für den Fördermittelantrag im Rahmen des Wiederaufbauplans verwendet werden können.
Ausblick
Mit den integralen Hochwasserschutzkonzepten für die Rahmede und die Nette ist ein wichtiger Grundstein gelegt, um Altena langfristig vor Hochwasser- und Starkregenereignissen zu schützen und den nachhaltigen Wiederaufbau nach dem Hochwasserereignis 2021 zu unterstützen. In den kommenden Projektstufen werden die favorisierten Maßnahmen nicht nur technisch weiter ausgearbeitet, sondern auch in Bezug auf ihre Finanzierung und praktische Umsetzung vorbereitet.
Besonderes Augenmerk liegt dabei auf einer engen Zusammenarbeit mit der Stadt Altena, den zuständigen Behörden sowie den ansässigen Industrieunternehmen und der Bevölkerung. Denn nur, wenn technische Lösungen, naturnahe Ansätze und das Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger Hand in Hand gehen, kann ein nachhaltiger Schutz erreicht werden. Langfristig bietet das Projekt damit nicht nur Sicherheit, sondern auch die Chance, die Nette und die Rahmede – dort wo es möglich ist – als erlebbare Gewässerläufe in Altena aufzuwerten.

Dipl.-Ing. Johannes Rohde, Dipl.-Ing. Tilman Surkemper, Jonas Bonnie, M.Sc., Andrea Siebert, M.Sc.